Buchdeckel des Bandes "Kriminologie" von Ulrich Eisenberg

Sexueller Missbrauch und Kriminologie

Anlässlich eines aktuellen Mandates habe ich mich erneut mit der Kriminologie der Missbrauch-Delikte beschäftigt.

Schon in meiner Ausbildung an der Universität und auch anschließend bin ich immer wieder mit den Missbrauchstatbeständen in Kontakt gekommen. Dabei umfasste dieser Kontakt der reine Kriminologie der Missbrauchs-Delikte (Polizeiliche Kriminalitätsstatistik, Lehre über Angsträume und das Verhältnis zwischen Täter und Opfer), sowie auch die Kriminalistik (Beweiserhebung und -auswertung) und die rechtliche Einordnung der einzelnen Deliktsmerkmale in wissenschaftlicher und praktischer Hinsicht. In Gesprächen mit Freunden und Bekannten tauchen dabei immer wieder Berührungsängste mit diesem Thema, aber auch Ängste im Zusammenhang mit diesem Thema auf, die nicht mit der aktuellen Forschung gedeckt werden können.

Zunächst möchte ich gerne einmal anführen, dass die Anzahl der in Deutschland begangenen Sexualdelikte (Sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen, Kindern und anderen Personen [inkl. Vergewaltigung], Anfertigen und Verbreiten von Kinderpornographie, Zuhälterei, Besitz von Jugendpornographie) bei 47.701 Fällen liegt. Dies sind 0,7 % aller Delikte in Deutschland (über 6,37 Millionen Delikte). Im Verhältnis dazu gibt es über 140.000 Fälle der gefährlichen oder schweren Körperverletzung und 1, 3 Millionen Diebstähle. Nichts desto trotz ist häufig die persönliche Betroffenheit und die Dauer der Folgen ungleich viel höher.

Dabei ist es übrigens statistisch weitgehend uninteressant, ob wir urbane Ballungsräume (ab 500.000 Personen im Tatort) oder in dörfischen Strukturen bewegen (bis unter 20.000 Personen im Tatort). Die urbane Räume (10.482 Fälle) haben dabei sogar noch einen leicht niedrigeren Anteil an der Fallanzahl als die dörfischen Strukturen (14.795 Fälle). Die Aufklärungsquote in diesem Bereich ist allerdings weit überdurchschnittlich. Im Bereich der gesamten Sexualdelikte werden 79% der Fälle aufgeklärt (37.442 von 47.701), wohingegen die allgemeine Aufklärungsquote lediglich bei 56,2 % (3,5 von 6,37 Millionen) liegt.

Auch erstaunlich ist, dass die Anzahl der Fälle sich ziemlich stark auf wenige Gruppen verjüngt:

  • Vergewaltigung und sexuelle Nötigung (7.919 Fälle)
  • Exhibitionistische Handlungen und Erregung öffentlichen Ärgernisses (8.001 Fälle)
  • Sexueller Missbrauch von Kindern (12.019 Fälle)

Der ehemalige Direktor der  Kriminologischen Zentralstelle fasst diese Delikte in einer Stufenbewertung zusammen:

  1. Sexuelle Gewaltdelikte: Vergewaltigung und sexuelle Nötigung (§§ 177 und 178 StGB). Einen Königsweg zur Verhinderung gibt es nicht Kriminalität mit sexuellem Hintergrund Von Rudolf Egg

  2. Sexuelle Missbrauchsdelikte: Dabei geht es vor allem um den sexuellen Missbrauch von Kindern (§§ 176, 176 a und b StGB); ferner zählen hierzu die Straftatbestände von § 174 StGB (sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen), § 174a StGB (sexueller Missbrauch von Gefangenen, Verwahrten oder Kranken in Anstalten), §§ 174b, c StGB (sexueller Missbrauch unter Ausnutzung einer Amtsstellung bzw. eines Beratungs-, Behandlungs- oder Betreuungsverhältnisses) und § 179 StGB (sexueller Missbrauch Widerstandsunfähiger).

  3. Sexuelle Belästigungsdelikte: Exhibitionistische Handlungen und Erregung öffentlichen Ärgernisses (§§ 183, 183a StGB). Die sexuelle Belästigung von Kindern wird strafrechtlich als sexueller Kindesmissbrauch gemäß § 176 Abs. 3 StGB verfolgt.

Interessant für mich war aber immer die das folgende Zahlenpaar:

  • Vergewaltigung, überfallartig (Einzeltäter) (1.132 Fälle, davon 31,4 % im Versuchsstadium verblieben)
  • Vergewaltigung, überfallartig (durch Gruppen) (225 Fälle, davon 24,9 % im Versuchsstadium verblieben)

So erschreckend jede einzelne Tat für das Opfer sein mag. Die Chancen einer drohenden Vergewaltigung in den Angsträumen wie Parks, Parkhäusern o.ä. ist demnach sehr gering und die Chancen eines Entwischens aus einer solchen Situation erscheinen im Verhältnis zur Gesamtheit aller Straftaten sehr gut (8,4% aller Delikte verbleiben im Versuchsstadium).

Die Zahlen sind allesamt aus der offiziellen Polizeilichen Kriminalitätsstatistik 2016 des Bundeskriminalamtes.

Dies kann dann im Weiteren noch mit anderen interessanten Zahlen in Verbindung gebracht werden, darunter der Anteil der unter Alkohol-Einfluss stehenden Personen.

Aus einer kanadischen Untersuchung bezüglich 344 Fällen von Vergewaltigung wurde berichtet, in 34,5% [der Fälle] sei für den Zeitpunkt der Tat bei Täter und Opfer – und in 26% beim Täter, in 8,2% beim Opfer – Alkoholeinfluss ermittelt worden (Gibson [und andere] 1980, 62).

Für 201 in der “alten” Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1987 Verurteilte berechnete Elz (2002, 134 [137]), dass etwa 70% der Täter gegenüber 40% der als Opfer beurteilten Personen unter Alkoholeinfluss standen. Nach Daten des Blutalkoholarchives Mittelhessen sei die BAK bei den Opfern von Delikten gegen die sexuelle Selbstbestimmung höher gewesen als bei den Tätern (Roth [und andere] 1991, 553).

Ulrich Eisenberg, Kriminologie (6. Auflage [2005]), S. 901

Darüber hinaus möchte ich nur noch auf einen weiteren Zusammenhang eingehen, der auch immer wieder bei mir angefragt wird: Der Aspekt der Täter-Opfer-Beziehung.

Auch hier ist die große (irrationale) Angst verbreitet, dass eine Frau von einem unbekannten Täter angegriffen und missbraucht wird. Den Aspekt hinsichtlich des Angriffs haben wir gerade schon als weitgehend nicht vorkommend gesehen. Die Zahl ist mit insgesamt 1.357 Fällen (Einzeltäter und Gruppe) sehr gering. Unwissenschaftlich ist in jedem Fall hier noch Quoten für Hell- und Dunkelfeld zu berechnen und einen Aufschlag für etwaig nicht angezeigte Fälle zu berechnen. Mutmaßungen könnte ich allenfalls, dass gerade in diesem Bereich die Anzeige-Bereitschaft höher ist.

Bei der Vergewaltigung ergibt sich aus seither vorliegenden Untersuchungen, dass insgesamt etwa in der Hälfte der Fälle vor der Tat bereite eine Täter-Opfer-Beziehung bestand, wobei die Einzelergebnisse hierzu wegen Unterschieden hinsichtlich Verfolgungsintensität wie auch Definition von Fremdheit schwanken; in ungefähr 15% der Fälle wurden bereits länger andauernde Bekanntschaften ermittelt.

Es ist also durchaus so, dass Sexualdelikte tendenziell eher im Nahbereich auftreten. Wobei eben schwierig feststellbar ist, wann jemand als fremd gilt und wann nicht mehr. Ist die flüchtige Bekanntschaft der Nacht eine bekannte Person oder nicht? Ab wann wird diese zur bekannten Person? Gerade in neuerer Zeit wird dieser Bereich noch schwieriger zu  kategorisieren sein, wenn Fälle von Tinder- oder im Allgemeinen Online-Bekanntschaften hinzugenommen werden.

In diesen Zahlen sind dann selbstverständlich auch nicht die Grade der Beeinträchtigung verkörpert, denn eine Vergewaltigung ist schon immer dann vollständig erfüllt, wenn mit irgendeinem Objekt in eine Körperhöhle (Vagina, Anus, Mund) eingedrungen wird. Die sexuellen Belästigungen können schon durch einen Kuss oder eine Berührung im Bereich der sexuellen Stimulanzregionen erfüllt sein. Es ist also schwer schwierig generalisierte Aussagen über dieses Thema zu treffen und eine neutrale Betrachtung anzustellen.